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Die andere Kieler Woche - der 114. Deutsche Ärztetag in Kiel

Erster Teil einer Serie zum bevorstehenden Ärztetag. Dr. Henrik Herrmann erinnert sich an zurückliegende Ärztetage und freut sich auf den Kieler.

Deutsche Ärztetage sind immer etwas Besonderes!

Als ich als gerade approbierter Arzt vor vielen Jahren meine Profession aufnahm, wusste ich kaum, was eine Ärztekammer ist und welche konkreten Aufgaben sie eigentlich hat. Aber Deutsche Ärztetage waren ein geläufiger Begriff und mit großem Erstaunen habe ich die seitenlangen Berichte im Deutschen Ärzteblatt darüber gelesen. Erstaunen deshalb, weil stundenlang diskutiert wurde und Hunderte von Anträgen gestellt und abgestimmt wurden.

Ich habe gedacht, dass dies für die Teilnehmer sehr anstrengend sein muss und dass viel Kraft und Energie nötig sind, diesen langen Verhandlungen zu folgen und das zu einer Zeit, wo meistens sehr gutes Wetter ist, nämlich über Himmelfahrt. Ich ahnte zwar, dass die Deutschen Ärztetage für die deutsche Ärzteschaft etwas Besonderes darstellen müssten, aber genauer konnte ich dies nie fassen. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich mir nie vorstellen können, später einmal selbst Delegierter auf einem Deutschen Ärztetag sein zu dürfen.

Aber der Lebensweg bringt doch immer wieder Überraschungen und ich kam als einigermaßen Spätberufener in die Standespolitik und durfte genaueren Einblick in die Aufgaben und die Arbeit der Ärztekammer nehmen.

Als ich vor zehn Jahren in Rostock meinen ersten Deutschen Ärztetag erlebte, war mir schon ein wenig mulmig zumute, als Neuling auf dieser großen Bühne. Ich habe schnell gelernt, wie wichtig ein Deutscher Ärztetag für alle deutschen Ärzte ist und wie wichtig auch die Diskussionen zu den einzelnen Themenbereichen sind, auch wenn diese manchmal nicht enden wollen, nach dem Motto: Es ist zwar schon alles gesagt, aber nicht von jedem. Doch in solchen Momenten geht einer der 250 Abgeordneten dann doch zum Rednerpult, um ein Ende der Debatte zu beantragen. Wichtige Anliegen werden dort übergreifend beschlossen, wobei das besondere Konstrukt ist, dass sich die einzelnen Ärztekammern nicht unbedingt an die Vorgaben des Deutschen Ärztetages halten müssen.

Der Deutsche Ärztetag kann letzten Endes nur Musterordnungen beschließen, egal ob im Berufsrecht, in der Weiterbildungsordnung, in der Fortbildungsordnung oder zu jedem anderen Thema. Allerdings hat es schon Gewicht, wenn die Abgeordneten aus allen 17 einzelnen Ärztekammern der Länder einen Mehrheitsbeschluss fassen, der damit auch an die Öffentlichkeit transportiert werden kann. Meistens klappt es auch, dass die einzelnen Ärztekammern der Länder diese Mustervorgaben möglichst genau umsetzen, da ansonsten der Föderalismus sehr an seine Grenzen stoßen würde. Es ist leicht einsehbar, dass eine Berufsordnung für den Arzt in Schleswig-Holstein nicht viel anders aussehen darf als in Bayern, dass eine Weiterbildungsordnung im Saarland nicht allzu sehr von der in Brandenburg verschieden sein darf, gerade im Hinblick auf eine mobile Gesellschaft.

Illustration Schleswig-HolsteinIch durfte auch echte Sternstunden der Diskussionskunst und des Austauschs von Argumenten erleben, wie zum Beispiel zur Palliativmedizin, zum Umgang mit Menschen mit Behinderungen und zur Lage psychisch kranker Menschen in Deutschland. Hervorragende Eingangsreferate von anerkannten Ärzten und Wissenschaftlern leiten die einzelnen Oberpunkte ein und bieten Anlass zu einem echten Diskurs.

Einen hohen Stellenwert hat die Auseinandersetzung zwischen Ökonomie und Medizin, die unser ärztliches Handeln zunehmend beeinflusst und wo wir unsere Profession mehr und mehr schützen müssen. Daneben spielt die Weiterbildungsordnung eine Rolle auf jedem Deutschen Ärztetag, alle Jahre wieder stehen das Fortbildungsstatut und das Berufsrecht auf dem Programm. Wichtige Themen, die jeden Arzt etwas angehen und unseren ärztlichen Alltag auch mitbestimmen. Natürlich kommen immer wieder Formalien vor, schön umschrieben unter dem Tagesordnungspunkt Tätigkeitsbericht.

Von Jahr zu Jahr bin ich sicherer im Umgang mit den Themen geworden, Knackpunkte von einzelnen Anträgen sind jetzt schneller erkennbar und der kollegiale Austausch zwischen den einzelnen Abgeordneten wird von Jahr zu Jahr besser. Jetzt sehe ich meinem 10. Deutschen Ärztetag entgegen, dem 114. insgesamt. Ich bin zwar nicht in Schleswig-Holstein geboren, wohne aber die Ewigkeit von 34 Jahren in diesem Bundesland und freue mich besonders, dass dieser Ärztetag in Kiel stattfinden wird. Jedes Jahr wechselt nämlich der Ort des Deutschen Ärztetages, was ich sehr interessant finde, weil damit auch immer ein Stück weit die Atmosphäre wechselt. Es wurde zwar einige Jahre zuvor beantragt, dass jeder zweite Deutsche Ärztetag in Berlin und nur die restlichen über die Republik verteilt werden sollen, dieser Antrag wurde abgelehnt.

Kiel und Schleswig-Holstein werden einen sehr guten Ort für einen Deutschen Ärztetag darstellen. Kiel ist eine junge Stadt, die in derselben Zeit groß geworden ist, in der auch die Medizin sich deutlich weiterentwickelt hat, nämlich ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Genauso wie die Medizin hat diese Stadt einen rasanten Aufstieg erlebt, aber auch in ihrer Geschichte immer wieder Höhen und Tiefen. Kiel ist eine offene Stadt, was häufig auf Hafenstädte zutrifft, ohne protzig oder überheblich zu sein. Auch dies passt gut zu Deutschen Ärztetagen, wo eine offene Diskussionskultur gelebt wird.

Daneben sind die Kieler wie die Schleswig-Holsteiner: eher ruhige ausgleichende Menschen, aber mit klaren Vorstellungen und klaren Zielen. Dies ist auch jedem Deutschen Ärztetag zu wünschen und bisher auch sehr häufig umgesetzt worden. Der Zusammenhalt in diesem nördlichsten, schönsten Bundesland ist naturgeprägt eng, Lagerbildungen werden kaum ausgelebt, auch wenn es hier und da vielleicht einmal kleine Sticheleien geben sollte. Auch dies ist jedem Deutschen Ärztetag zu wünschen, dass hier ein enger Zusammenhalt vorgelebt wird, auch wenn es hin und wieder einmal harte Auseinandersetzungen in der Diskussion gibt.

Gerade dieser Deutsche Ärztetag in Kiel wird für die Zukunft wichtige Weichenstellungen erbringen, ich denke da allein nur an die Neuwahl des Bundesärztekammerpräsidenten, da Prof. Jörg-Dietrich Hoppe nicht wieder antreten wird. Es ist also schon klar, dass hier in Kiel ein neuer Präsident oder eine neue Präsidentin gewählt wird, ebenso könnte es auch sein, dass es neue Vizepräsidentinnen oder Vizepräsidenten geben wird. Da diese drei auch das mediale Bild der Deutschen Ärzteschaft in der Öffentlichkeit prägen, ist diese Wahl gerade in der jetzigen Zeit von besonders hohem Stellenwert. Auch hier werden Kiel und die Sparkassen Arena ein guter Gastgeberort sein, denn dort, wo sonst erfolgreich Sport getrieben wird, kann ein Deutscher Ärztetag nur erfolgreich sein.

Auch wenn es für unsere Ärztekammer viel Arbeit bedeutet, so sind wir auch ein wenig stolz darauf, Gastgeber des diesjährigen Deutschen Ärztetages sein zu dürfen, genauso wie die Kieler stolz sind, Kieler zu sein und die Schleswig-Holsteiner stolz, Schleswig- Holsteiner zu sein. Die Besucher werden in den angebotenen Ausflügen im Begleitprogramm des Ärztetages (siehe Grafik) einiges vom Land zu sehen bekommen. Aus diesen Gründen freue ich mich dieses Jahr ganz besonders auf eine Woche Standespolitik in Kiel, denn der Auftakt des Ärztetages beginnt bereits an dem Wochenende vor Himmelfahrt.

Die Kieler Woche ist ein feststehender Begriff, jetzt wird es in diesem Jahr eine zusätzliche neue Kieler Woche geben, die fast genauso spannend und interessant sein wird wie die eigentliche Kieler Woche.

(Dr. Henrik Herrmann, Brunsbüttel)