Stadtrundgang im Kieler Sommerwetter
Eindrücke vom Rahmenprogramm des Ärztetags
(31.05.2011)
Für Stadtrundgänge durch Kiel sollte man sich zu jeder Jahreszeit passend ausrüsten, also: Schirm, Anorak, Kapuze. Die meisten Teilnehmer wussten das und hielten bei leichtem Nieselregen munter durch. Was nicht alle wussten: Kiel ist voller Kopfsteinpflaster. „Eine echte Herausforderung“, meinten Damen, die noch ihre Schuhe von der feierlichen Eröffnungsveranstaltung im Kieler Schloss trugen.
Stadtrundgang bei norddeutschem WetterWarum so viel altes Kopfsteinpflaster, wo die Stadt doch nach dem letzten Krieg zu 80 Prozent in Schutt und Asche lag? Stadtführerin Manuela Junghölter kannte natürlich die Antwort: Pflastersteine sind unverwüstlich, und für modernen Asphaltbelag fehlte in der Nachkriegszeit das Geld. Überhaupt erfuhren die Gäste – so viele verschiedene deutsche Dialekte in einer Gruppe! – dass die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt ihr heutiges Gesicht erst im Wiederaufbau erhalten hat. Nicht Denkmal gerecht wieder aufgebaut, sondern „im funktionalen Rechteckstil“. Und was nur halb zerstört war, nun, das haben nüchterne Kieler Lokalpolitiker in der Aufbauzeit lieber sprengen als restaurieren lassen. Kiel war – und ist eigentlich immer noch – vorwiegend eine Stadt zum Arbeiten, nicht zum Repräsentieren. Deshalb darf sich Kiel, anders als Rostock, Wismar oder Lübeck, auch nicht Hansestadt nennen: man wurde aus der Hanse ausgeschlossen, als man die Beiträge nicht mehr bezahlte.
Was denken Gäste aus entfernteren Gegenden Deutschlands, wenn sie „Kiel“ hören? „Handball“, so die allgemeine Antwort vor der Ostseehalle. Ja, der THW hat Kiel bekannt gemacht. Zwischenfrage: „Was heißt denn THW? Doch nicht Technisches Hilfswerk?“ Nein, THW heißt Turnverein Hassee-Winterbek, nach einem alten Stadtteil. Was weiß man noch von Kiel? Ja, die Kieler Woche. Größte Regattaveranstaltung der Welt, seit dem 19. Jahrhundert immer Ende Juni, 5.000 Segler, drei Millionen Besucher. Da möchten die Teilnehmer des Ärztetages doch gern wissen, wo Kiel wohl drei Millionen Besucher unterbringen will. Gut, wir müssen zugeben, die meisten sind Tagesgäste, und selbst die Segler müssen zelten oder im Wohnmobil schlafen.
Bei aller Nüchternheit hat Kiel aber durchaus hochkarätige Kunstschätze zu bieten: ein echter Salvador Dali im Ratssaal (man staunt: die Tür ist unverschlossen und kein Aufpasser steht daneben), Barlach-Skulpturen in der Rotunde des Rathauses. Hier geht’s zum Büro des Oberbürgermeisters, sein Namensschild ist beleuchtet, er ist also da. Darf man eintreten? „Zwei Minuten noch“, sagt sein Referent, und dann steht man im OB-Büro, bestaunt die Kaiser-Tür, die extra für Wilhelm II. in die Wand gebrochen wurde, damit er nicht wie normale Menschen durch das Vorzimmer zum Stadtoberhaupt gehen musste. Die Außenseite der Kaiser-Tür wird übrigens – und auf so etwas sind die Kieler durchaus stolz – verdeckt von einem Porträt des ersten Bundespräsidenten. Die Monarchie ist vorbei, und dass sie beendet wurde, das hat unter anderem in Kiel 1918 begonnen.
(Jörg Feldner)




Zum Seitenanfang